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Tokio Von allem mehr als genug
Tokio Von allem mehr als genug

Tokio: Von allem mehr als genug

0417
Regen tropft auf die Fenster des kleinen Restaurants, in das wir uns geflüchtet haben, und lässt unsere Sicht auf die Straße verschwimmen. Nach mehreren Versuchen und mit viel Mühe ist es uns gelungen eine große Portion Soba und Tempura mit Reis zu bestellen – schwierig, wenn ausgerechnet dieses eine Gericht am Automaten falsch ausgezeichnet ist – und wir sind aufgewärmt und gesättigt. Draußen eilen Menschen mit durchsichtigen Regenschirmen vorbei, die unheimlich praktisch sind, wenn sich einer an den nächsten reiht und man trotzdem noch etwas sehen kann. Ein Mann in einer gelben Leuchtweste steht an der Ecke und verteilt Werbung für den Laden gegenüber, Mädchen in kurzen Dienstmädchenkleidern machen große Augen und versuchen mit ihren unnachahmbaren Piepsstimmen einsame Junggesellen für ihre Cafés zu gewinnen. Grelle Leuchtreklame in allen erdenklichen Farben hängt an den Häuserwänden, ihr Licht spiegelt sich auf der nassen, schwarzen Straße. Wir beobachten das Treiben. „Das ist das Tokio, wie ich es mir vorgestellt habe“, sagt Raoul.
Die Stadt hat uns regelrecht verschlungen. Oder umgekehrt, wir haben versucht, so viel von ihr einzuatmen wie möglich. Auch wenn man hier ja gar nicht so tief durchatmen soll. Sie ist mit nichts vergleichbar, was ich bisher gesehen habe. Schon lange ist es her, dass mich etwas so in Staunen versetzt hat, dass mir der Mund offen stehen bleibt, aber hier kriege ich ihn kaum mehr zu. Manchmal fühlt es sich so an, als wäre das gar nicht ich, die das alles erlebt, sondern als würde ein Geschichtenerzähler diesen Ort in den schillerndsten Farben vor meinem inneren Auge zum Leben erwecken: Der Schrein, gelegen in einem ruhigen Park, vor dem sich ein traditionell gekleidetes Hochzeitspaar fotografieren lässt; es wirkt etwas unbeholfen in der prachtvollen, schweren Tracht. Die Takeshita-dori , eine Straße, in der einen rosa-lila Zuckerwatte fast erschlägt und Teenager einen umzingeln, auf der Suche nach Pikachukostümen und Strumpfhosen, die mit Katzenbabys bedruckt sind. Die ruhigen Parkanlagen, in denen das Herbstlaub leuchtet und die einem dieses seltsame Empfinden geben, etwas perfektes Imperfektes vor sich zu haben. Das Robot Restaurant, das an Reizüberflutung nicht zu übertreffen ist und das den kleinen Jungen auf dem Schoß seiner Mutter gegenüber mit Sicherheit für immer traumatisiert. Die Koi, deren Schönheit ich hier zum ersten Mal wahrnehmen und schätzen lernen kann. Und natürlich all die Menschen, die uns begegnen, flüchtig oder für einen längeren Augenblick, auf der Straße, in der Bahn, im Restaurant, in unserer Wohnung. Und doch fühle ich mich hier von der ersten Minute an nicht fremd.
Der Geruch, der uns auf dem Fischmarkt entgegenschlägt, ist gar nicht so übel wie erwartet. Vielleicht ist man aber einfach abgehärtet, hat man doch selbst das ein oder andere Mal um fünf Uhr morgens Aale Dieter beim Verhandeln zugehört und das eigentlich obligatorische Fischbrötchen auch da schon abgelehnt. Hier gibt es Sushi und kein Fischbrötchen, aber auch darauf verzichten wir. Ich fühle mich zu Anfang unwohl. Und das liegt nicht an den Unmengen toter Lebewesen, die einem das Gefühl vermitteln, es könnte an der japanischen Küste keinen einzigen Fisch, keine einzige Krabbe mehr im Wasser geben, weil sich heute alles hier versammelt hat um verkauft und dann verspeist zu werden. Es liegt daran, dass die Verkäufer hier ihren Lebensunterhalt verdienen und man selbst nur den potentiellen Kunden, zu denen man nicht gehört, im Weg steht. Nicht, dass davon um die Uhrzeit noch viele unterwegs wären. Aber ich kann mich trotzdem nicht davon befreien und gehe die ersten zehn Minuten zügig durch das enge Geflecht von Gängen. Doch dann versuche ich, trotz des Arbeiters, der nun aufpassen muss, dass er mir kein Wasser über die Schuhe schüttet, innezuhalten und meine Sinne von den Eindrücken berauschen zu lassen: Ein Mann filetiert einen riesigen Thunfisch mit größter Sorgfalt und lässt sich dabei geduldig von einer Horde US-Amerikaner fotografieren. Einem Verkäufer wird von dem Oktopus, den er greifen will, als letzter Versuch der Gegenwehr Wasser ins Auge gespritzt. Ein anderer sammelt Eingeweide und blutige Fischköpfe ein und reinigt seine rote Arbeitsfläche mit einem Schwall Wasser. Eine Frau sitzt in einer kleinen Zelle, in der sich Unterlagen und Papiere türmen und führt gewissenhaft Buch. Dieses merkwürdige Gefühl kommt in mir auf, wo man so plötzlich realisiert, dass alle diese Menschen ein Leben führen, so voller Irrungen und Wirrungen wie deines und meines auch. Ich versuche mir die Farben einzuprägen, alles eingetaucht in das bisschen Licht, das in die Halle fällt. Das Blau der riesigen Behälter, in der die Fische auf ihren Tod warten, das Schwarz des nassen Bodens, darauf ausgekippt weißes Eis, das nur sehr langsam schmilzt, die blutigen Bassins und überall das Grau der schimmernden Fische, die aneinander gereiht auf der Verkaufsfläche liegen. Ich lausche dem Ton der Arbeiter, der nicht ansatzweise vergleichbar ist mit dem, den man sonst von Märkten kennt. Die Abläufe sind eingespielt, alles hat genau seinen Ort, seine Zeit. Daran liegt es womöglich auch, dass ich trotz meines Versuchs, mich nicht so fremd zu fühlen, froh bin, als wir wieder ans Tageslicht treten. Denn dies ist, obwohl mich jeder Reiseführer eines Besseren belehren will, keine Touristenattraktion.
Jizō-Statuen
Von allen Tempeln und Schreinen, die wir in Tokio sehen, über die wir stolpern oder die wir gezielt ansteuern, gefällt mir der buddhistische Zojo-ji am besten. Kaum irgendwo bekommt man wirklich ein Gefühl von Ruhe oder gar Besinnung, die Atmosphäre der Großstadt liegt auch hier noch wie ein Flirren in der Luft. Aber an diesem Ort ist der Kontrast besonders stark: Direkt hinter dem Tempel ragt der Tokyo Tower in die Luft, eine Touristenfalle, die aussieht als hätte man den Eiffelturm mit einem Leuchtturm gekreuzt. Hierher aber verirrt sich kaum ein Tourist. Nur ein Mann fotografiert unbeirrt und aus nächster Nähe die in traditionelle Kleider in den schönsten Farben und Mustern gehüllten Kinder, die sich darin nicht besonders wohl zu fühlen scheinen. Es ist Shichi-go-san in Japan, ein Fest für sieben-, fünf- und dreijährige Kinder, die in ihrer Aufmachung alle Besucher entzücken, allen voran die Eltern und Großeltern. Ansonsten ist der Platz vor dem Tempel weit und leer, die Bäume werfen lange Schatten. Es riecht nach Weihrauch und während ich wie immer versuche unter den Holzschildern, die man kaufen und mit seinem Wunsch oder seiner Bitte beschriften kann, eines zu finden, das ich entziffern kann, atme ich tief ein. Hier sehen wir auch zum ersten Mal eine schier endlos lange Reihe von Jizō- Statuen. Es ist ein ungewöhnlicher Anblick. Jizō hilft den Seelen auf ihrem Weg ins Nirwana, besonders denen von Kindern oder jenen, die nie auf die Welt gekommen sind. Dafür sind die gestrickten Lätzchen und Mützen da, damit Jizō sie schneller finden kann. Es ist eigentlich ein trauriger Ort, doch man fühlt nur Frohmut. Wir gehen langsam von Statue zu Statue und achten dabei auf die kleinen Unterschiede. Die Farben der Windräder, die sich vor ihnen unermüdlich drehen, wie alt und ausgeblichen oder wie neu und knallig die Mützen sind, welche Blumen davor stehen und wie ihre Gesichter aussehen. Mitten unter ihnen steht eine ganz in blau gekleidete Figur, mit einer dicken Weste. Ich male mir aus, wie sie zu der Kleidung gekommen ist. Es sieht so aus, als wollte jemand dieses Wesen ganz besonders gut ausstatten, damit es auch im Winter gewappnet ist für die schwere Aufgabe, die ihm aufgetragen wird. Schließlich haben wir im 21. Jahrhundert eine viel bessere Wärmetechnik als bloß Strick. Wir steigen die Stufen zum Hauptgebäude hoch. Der Raum ist etwas ungewöhnlich eingerichtet, Stühle stehen auf einem Teppichboden, ein paar Leute sitzen verstreut zwischen den Reihen. Doch die Verzierungen sind hier wie überall wunderschön und üppig. Was mich innehalten lässt ist allerdings nicht das strahlende Gold, sondern ein Mädchen, das darauf wartet, an das Spendenkästchen zu kommen. Es ist noch ein bisschen zu klein und muss sich strecken um ihr 5-Yen-Stück einzuwerfen, verbeugt sich, klatscht zweimal in die Hände und fängt an zu beten, wie alle es hier tun. Die Natürlichkeit mit der sie es tut berührt mich…
Aber am schönsten finde ich jede beliebige große Kreuzung, ob in Akihabara, Harajuku oder Shibuya, bei Sonnenschein oder Regen, im Hellen oder Dunkeln. An jeder Ecke befindet sich ein Laden oder ein Restaurant, stilvoll und edel oder bunt und trashig. Von irgendwoher tönt immer wieder die gleiche Sequenz des neuen Liedes irgendeiner Boyband. Blinkende Lichter irritieren die Augen und wechseln sich so schnell ab, dass man gar nicht weiß, was wozu gehört. Und interessanterweise gibt es hier Fußgängerampeln um schräg über die Straße zu kommen, was dazu führt, dass entweder nichts fährt und alle gehen oder alles fährt und niemand geht. Wahrscheinlich wären Abbieger hier aber eh verloren bei den Menschenmassen, die sich pro Ampelschaltung über die Straße schieben. Man hat oft das Gefühl nur im Weg zu stehen, denn natürlich beherrscht man die Regeln der Bürgersteige und Zebrastreifen nicht. Zwar gibt es überall gelbe Markierungen, die fast so hoch sind, dass man drüber stolpern könnte, aber was sie einem sagen wollen, ist uns noch nicht aufgegangen. Es ist mir ein Rätsel wie es funktioniert, aber nirgends wird einander geschoben, keiner drängelt sich vorbei, alles geschieht organisch und im Fluss und mit Engelsgeduld. Es scheint mir oftmals so, als seien die Menschen alle magnetische Pole, die sich nie berühren, wie eng es auch sein mag. In den vollen U-Bahnen wird dann natürlich ab einer gewissen Personenzahl auch dieses Gesetz außer Kraft gesetzt. Ich denke, genau daran wird es liegen: So lange man kann, verzichtet man auf Berührungen.

Am Ende unserer Zeit in Tokio fällt es mir nicht schwer, die Schlüssel auf den Tisch zu legen und die Tür unseres Zuhauses auf Zeit hinter uns zufallen zu lassen. „Das wird für immer unsere allererste Unterkunft gewesen sein“, denke ich, als wir durch die verschachtelten Straßen mit den kleinen Häusern zum letzten Mal in Richtung Bahn gehen. Auf dieser Reise, von der wir noch so gar nicht wissen, wo sie uns noch hinführen wird. Als wir mit unserem Gepäck im Zug sitzen und ich die allgegenwärtigen Männer in Anzügen betrachte und versuche, möglichst wenig Raum einzunehmen, kommt mir ein Zitat aus einem Buch, das ich gerade gelesen habe, in den Sinn:
Wenn du die Stadt als Inspiration nimmst, dich auf sie einlässt, ohne dich völlig in ihr aufzulösen – dann kann auch Tokio eine Art Heimat sein.
Julia Berger: Ein Jahr in Tokio – Eine Reise in den Alltag