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Puerto Galera Strandlektüre
Puerto Galera Strandlektüre

Puerto Galera: Strandlektüre

0417
Ich habe das Lesen wiederentdeckt.
Es ist nicht so, als hätte ich jemals vergessen, dass ich Bücher liebe. Ich vergesse nur manchmal, wie gut sie mir tun. Wenn es einem schwerfällt im Internet Artikel zu lesen, die mehr als drei Minuten in Anspruch nehmen und die Aufmerksamkeitsspanne immer noch kürzer zu werden scheint, vergisst man, dass man sich ohne Probleme in Büchern verlieren kann, die achthundert Seiten haben.
Ich lasse mich von Geschichten leicht einfangen. Gucke ich abends einen Film, verfolgt er mich oft in meine Träume; lese ich ein Buch, vergesse ich, dass es nicht um mein eigenes Leben geht. Raoul muss oft lachen, weil ich über die Abenteuer in meinem Kopf so spreche, als wären sie nichts anderes als die Nachrichten und mich dann wundere, warum er denn nicht schockierter darüber ist, dass ich im Traum ein Schinkenbrötchen gegessen habe, obwohl ich doch gar keinen Schinken mag. Schließlich ist nichts davon wirklich passiert.
Aber ich bin davon nicht frei, kann nicht wirklich entscheiden ob ich mich so einnehmen lassen will. Und wenn man sich traut, das zu- und sich darauf einzulassen, dann steckt darin so viel Potenzial, mehr als nur ein netter Zeitvertreib für den Nachmittag.
Man kann selbst mit der Geschichte wachsen. Man kann aus einer überraschend gekommenen Entwicklung eines Charakters lernen, sich und den Menschen um sich herum Zeit zu geben, bevor man bewertet und urteilt. Man kann erkennen, dass Fehler nicht immer welche bleiben. Und manchmal kann man völlig unerwartet Gefühle entdecken, die man schon schon lange vergraben hatte oder von denen man bis dahin gar nicht wusste, dass sie da sind.
Die Tage auf den Philippinen werden von einem natürlichen Rhythmus bestimmt. Morgens werden wir von den Geräuschen des anbrechenden Tages und den leisen Wellen, die im flachen Wasser brechen, geweckt. Strom gibt es nur stundenweise, aber ich habe eh einfach alles Elektronische ausgestellt und weggelegt. Wir haben keine Pläne und nichts Wichtiges zu tun. Also lese ich. Am Meer, in dem Clownfische schwimmen, die erstaunlich wenig Angst vor mir haben und erst in ihrer Anemone verschwinden, als ich zaghaft einen Finger nach ihnen ausstrecke. In unserer Hütte, wenn es draußen stürmt und regnet, es aber trotzdem noch so heiß ist, dass wir ohne Ventilator kaum atmen können. In der Hängematte, aus der man manchmal schlagartig aufschreckt, weil ganz in der Nähe eine Kokosnuss aus einer Palme fällt und mit einem dumpfen Knall auf dem sandigen Boden aufschlägt.

Abends laufen wir im Dunkeln zurück zu unserer Hütte, ich auf Zehenspitzen, aus Angst auf etwas Lebendiges zu treten. An der Decke über dem Bett warten bedrohlich aussehende Spinnen auf uns, deren Beine im Licht der Taschenlampe lange Schatten auf das Gitter, das eigentlich vor ihnen schützen soll, werfen. Zum ersten Mal bin ich dankbar dafür, dass wir ein eigenes Mückennetz mitschleppen; es beruhigt meine irrationale Angst, mir könnte irgendwie doch etwas Dickes, Haariges, Langbeiniges ins Gesicht fallen. Beschützt von den dichten Maschen des Netzes und der weichen Bettdecke, eingelullt vom Rauschen des Meeres und dem Wind in den Palmen, schlage ich ein letztes Mal für den Tag mein Buch auf und beginne Raoul vorzulesen.
‘Tell me one last thing,’ said Harry. ‘Is this real? Or has this been happening inside my head?’ Dumbledore beamed at him, and his voice sounded loud and strong in Harry’s ears even though the bright mist was descending again, obscuring his figure. ‘Of course it is happening inside your head, Harry, but why on earth should that mean that it is not real?’