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Naoshima Kunst in den Wohnzimmern fremder H� user
Naoshima Kunst in den Wohnzimmern fremder H� user

Naoshima: Kunst in den Wohnzimmern fremder Häuser

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Wir sitzen im Stockfinstern. Kein einziger Lichtstrahl fällt in den Raum und um uns herum ist es still. Wir sind alleine hier, aber vor dem Eintreten sind wir trotzdem in ernstem Ton darauf hingewiesen worden, uns leise zu verhalten. Die harte Holzbank in der Nische ist unbequem und ich setze mich auf meine Hände, um meine Sitzknochen ein wenig zu entlasten. Flüsternd reden wir über das unwohle Gefühl, das einen automatisch überkommt, wenn man nichts, nicht mal mehr die eigenen Konturen sehen kann. Man soll starr geradeaus gucken, hatte uns eine Stimme in der Dunkelheit angewiesen, denn dort würde sich einem dann nach einiger Zeit das Kunstwerk offenbaren, aber meine Augen wandern immer wieder in andere Richtungen und erkunden die Schwärze. Ich merke an dem leichten Kopfweh, dass ich äußerst angestrengt ins Nichts starren muss. Ich erwarte so etwas wie eine Formation aus Licht, die sich langsam über die hintere Wand, wo immer die auch sein mag, erstrecken wird und dass man das Motiv erst dann erkennen kann, wenn es vollständig ist. Stattdessen erscheint irgendwann ein großes, mattes Rechteck. Zunächst denke ich nur, dass meine Augen mir einen Streich spielen; dann denke ich, dass es eine Leinwand ist, auf der dann gleich etwas folgen wird. Doch keine Minute später kommt die Frau wieder, die uns vorhin geholfen hat, unsere Sitze zu finden und beginnt mit ihren Erklärungen.
Das Rechteck war immer da. Als wir darauf zugehen, die Hände von uns gestreckt um nirgendwo gegen zu laufen, stellen wir fest, dass es eine Vertiefung in der Wand ist, an dessen Rändern Reihen von schwach leuchtenden LED-Lampen versteckt sind. Die Beleuchtung bleibt immer die gleiche, es sind die Augen, die sich erst an die Dunkelheit gewöhnen müssen. Eben noch hätte ich schwören können, dass der Raum wirklich pechschwarz ist, nun aber können wir ohne Probleme den Eingang erkennen und der Schatten der Frau, die geduldig darauf wartet, dass wir ihr zurück ans Tageslicht folgen, zeichnet sich deutlich ab.
Als wir wieder draußen stehen, ist es, als wären wir in einem kleinen und ganz normalen Fischerdorf. Nur wenige Menschen sind zu sehen, die engen Straßen sind ausgestorben, kleine Wellen schwappen gegen die ruhig daliegenden Boote und am Anleger hängen tote Tintenfische zum Trocknen. Nichts deutet darauf hin, dass dies kein Ort wie jeder andere ist. Bis auf die Karten in meiner Hand, auf die wir gerade die fünften und damit vorletzten Stempel bekommen haben. Wir sind auf Naoshima, einer kleinen Insel im Binnenmeer, wo seit den 90er Jahren das Benesse House Museum zu Hause ist. Mit der Zeit hat sich dieses Fleckchen Erde zu einer Anlaufstelle für zeitgenössische Kunst entwickelt und man kann den ganzen Tag damit verbringen, die verschiedenen, über die Insel verteilten Museen anzuschauen, deren Architektur an sich schon sehenswert ist und die sich mühelos in die mediterran anmutende Natur einfügen. Kunst ist hier überall. Man stolpert drüber und übersieht sie trotzdem; zum Beispiel in einer kleinen Bucht am Strand, in der wir den Blick auf das Meer richten und die ersten wärmenden Sonnenstrahlen des Tages genießen. Erst als wir, umgeben von den kühlen Betonmauern des Museums, durch eine große Fensterfront blicken, erschließen sich uns die beiden bunten Boote, die dort im Sand liegen, als Teil des Gesamtwerks, vor dessen anderer Hälfte wir stehen.
Das Fischerdorf Honmura , durch das wir gerade schlendern, ist Wohnsitz des Art House Projects . Sechs alte, traditionelle Häuser wurden von verschiedenen Künstlern aufbereitet und jetzt findet man einen Teich, auf dessen Grund blinkende Zähler liegen, wo eigentlich ein Wohnzimmer sein sollte. Oder Malerei, fast unscheinbar auf den klassischen Trennwänden, die die Räume voneinander abgrenzen. Oder eine riesige Collage hinter Glas als Boden, wo früher mal Tatamimatten gelegen haben könnten. Teilweise sind die Häuser nur dadurch zu erkennen, dass ein Student mit einem Namensschild an der Brusttasche vor einem ansonsten unscheinbaren Hauseingang steht. Wir machen uns auf die Suche nach dem letzten Haus und ich erfreue mich, einfach daran, dass es so etwas gibt.
Kurze Zeit später befinden wir uns auf der Fähre zurück aufs Festland, mit uns noch einige andere Touristen, meistens ältere Leute, die alle einen ähnlichen Geschmack für Kleidung zu teilen scheinen. Es ist zugezogen und wir sind beide froh über die Wärme, die uns unter Deck erwartet. Schon bald wird die Insel immer kleiner und sieht aus der Ferne aus wie jede andere Insel auch, nur die Statue eines riesigen, roten Kürbis, der noch immer als kleiner Punkt zu erkennen ist, verrät, dass Naoshima alles andere als gewöhnlich ist.