Loading...
Mekongdelta Ein Tag wie jeder andere
Mekongdelta Ein Tag wie jeder andere

Mekongdelta: Ein Tag wie jeder andere

0417
Der kleine Tempel in einem Vorort von Can Tho im Mekongdelta, in dessen kargem Hinterzimmer wir gerade sitzen und gefüllte, in Soße getunkte Reispapierrollen essen, ist auch ein Waisenhaus. Vor langer Zeit war dies gang und gäbe, doch im Kommunismus ist nicht viel Platz für Religion und es ist deutlich sicherer, Kinder in einer staatlichen Einrichtung unterzubringen, als ihre Erziehung buddhistischen Mönchen zu überlassen. Heute gibt es nicht mehr sonderlich viele Tempel, die dafür noch eine Genehmigung haben.
Aus Japan sind wir Tempel gewohnt, die eine gewisse Ruhe ausstrahlen, mit feinen Papierwänden und sinnlichen Holzböden; einer klaren, simplen Ästhetik. Dieser hier ist hauptsächlich bunt. Und sehr wild gemischt. Die Neon-Leuchtröhren hinter den goldenen Buddhastatuen blinken in allen erdenklichen Farben. Daneben stehen Blumen aus Plastik, die lila leuchten und sich wiederum mit dem Rosa der Lotusblüten auf dem Gemälde dahinter beißen. Außerdem bin ich mir ganz sicher draußen im Eingang zwischen zwei Buddhas eine Marienstatue gesehen zu haben. Hier leben genau acht Waisen, die Regulierungen sind streng: Jeder weitere muss abgelehnt und in das staatliche Waisenhaus der nächsten großen Stadt gebracht werden. Oft sind es Kinder, die gerade wenige Stunden alt waren, als sie in der schützenden Anonymität der Nacht vor die Türen des Tempels gelegt wurden. Sie schlafen und essen, lernen und arbeiten hier, unterstützt von den Mönchen und den Spenden der ganzen Gemeinde, bis sie irgendwann auf eigenen Beinen stehen können und wieder ein Platz frei wird.
Doch auch ohne Platz liegt gelegentlich morgens ein Neugeborenes auf der Schwelle. Nummer neun. Bevor es die Augen öffnen und schreien kann, bevor irgendjemand Unerwünschtes etwas mitbekommt, werden die Frauen aus der Umgebung herbeigerufen. Die, die im richtigen Alter sind, die selbst schon Familien haben, die verheiratet sind. Die noch Platz für ein Baby haben. Im Morgengrauen wird es herumgereicht, von einer zur nächsten, jede von ihnen wiegt es in ihren Armen. Bis bei einer alles stimmt. Dann wird sie es mit zu ihr nach Hause nehmen. Als ihr eigenes registrieren. Und alle werden tun, als wäre es ein Tag wie jeder andere gewesen.