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Manila Gespenster sehen
Manila Gespenster sehen

Manila: Gespenster sehen

0417
Sobald man die Straße betritt, spürt man das Misstrauen. Nicht direkt gegen einen gerichtet, es ist eher so, als würde es sich über die Stadt legen und dich in den Straßen verfolgen, wie der Smog, der die Sicht beengt. In der Bahn trägt jeder seinen Rucksack vorne, mit der Hand auf dem Reißverschluss. Ich frage mich, wer von all diesen sich an ihre Sachen klammernden Menschen dann noch der Dieb sein soll.
Fear is contagious. You can catch it. Sometimes all it takes is for someone to say that they’re scared for the fear to become real.
Neil Gaiman: The Graveyard Book
Auch Misstrauen ist ansteckend: Die Wahrscheinlichkeit, dass man in der Bahn beklaut wird, ist tatsächlich hoch, also verwerfe ich meine Gedanken wieder und brüte stattdessen darüber, was für eine gute Masche es wäre. Wie unauffällig du bist, als krimineller Rucksackvorneträger.
Das Mädchen, das gerade noch in die gleiche Richtung ging wie wir und uns jetzt wieder entgegenkommt, streift bestimmt im Vorbeigehen meine Hosentaschen. Der junge Missionar, der mit uns aus der Bahn steigt, will mit Sicherheit nicht nur wissen, von wo wir sind. Die Kinder, die auf uns zeigen und lachen, tun dies garantiert nicht nur, weil sie blonde Haare nicht gewohnt sind.

 Ich habe ein Gefühl, wie sonst nur wenn ich tauche. Ich mag es nicht unter Wasser zu sein. Nicht weil ich Angst vor dem habe, was mich dort erwartet, sondern weil ich ohne Boden von einer neuen, ungewohnten Seite aus angreifbar bin, weil ich nichts höre und weil meine Bewegungen jedes Mal so viel langsamer sind, als ich dachte. Die Stadt erscheint mir wie ein einziges Schwimmbecken.
Wir kommen trotzdem ins Gespräch mit den Leuten. Einerseits weil sie wissen wollen, was uns hierher verschlagen hat, vor allen Dingen aber, weil sie uns warnen wollen, dass wir auf uns und unsere Sachen besser aufpassen sollen. Noch besser, als wir es schon tun. Auf dem Weg nach Hause schimpft die Frau, mit der wir uns gerade unterhalten, entsetzt, als Raoul seine eine Hand nur für wenige Sekunden von seinen Wertsachen nimmt, um sich beim Anfahren des Zuges festzuhalten. Zurück in unserer Wohnung treffen wir unsere Vermieterin, die sich Sorgen um uns macht, weil wir uns nicht bei ihr gemeldet haben. Manila ist wirklich kein besonders sicheres Pflaster. Aber es ist seltsam, wie viele Leute es gut mit einem meinen, wenn einem doch vermeintlich jeder was Böses will.

 Als ich meine Hosentaschen abtaste, ob noch alles da ist, sehe ich aus dem Augenwinkel, dass das Mädchen von eben nur vor ihren fröhlich glucksenden Freunden auf und ab stolziert, um ihren neuen Rock zu präsentieren. Nachdem ich dem jungen Mann am Bahnsteig widerstrebend erzählt habe, dass wir aus Deutschland sind, will er nur wissen, ob wir schon in der Mall waren und wie wir Manila finden. „Ziemlich faszinierend. Und überfordernd. “ Als die Kinder nicht mehr lachen und auf uns zeigen, sondern nur noch lachen und winken, winke ich zurück.