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Ky� sh�  � ber die japanische H� flichkeit
Ky� sh�  � ber die japanische H� flichkeit

Kyūshū: Über die japanische Höflichkeit

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JP lebt schon seit zwanzig Jahren in Japan und ist ein unangenehmer Zeitgenosse. Zweites weiß ich, weil unsere Unterhaltung dadurch beginnt, dass ich nicht länger ertragen kann wie er eine arglose Kellnerin völlig grundlos verarscht. Geschlagene fünf Minuten haben wir (und mit uns das ganze Café, in dem wir sitzen) mitansehen müssen, wie sie, nur mit den Vokabeln Excuse me bewaffnet, verzweifelt versucht ihn dazu zu bewegen, seine Tasche vom Stuhl zu nehmen und Platz für weitere Kunden zu machen. Aber anstatt wie ein normal denkendes, empathisches Wesen zu reagieren, macht JP sich einen Spaß daraus, ihr den Arbeitstag zu vermiesen. Er stellt ihr immer abstrusere Fragen („Why did you get the baby chair? Is there a lady with a baby somewhere? Would you like me to sit on the baby?“ ), die sie allesamt nicht versteht, bis ich ihn letztendlich unterbreche – gegen Raouls Rat, der meint, mit solchen Menschen könne man nicht diskutieren.
Tatsächlich stellt sich heraus, dass man hervorragend mit ihm diskutieren kann. Er erklärt sein Verhalten: Es gebe einfach Tage, an denen es ihn frustriere, immer nur mit englischen Bruchstücken beworfen zu werden, in einem Land, in dem er seit zwei Jahrzehnten zu Hause ist und dessen Sprache er beherrscht. An solchen Tagen teste er eben manchmal aus, wie weit sich das in der japanische Kultur unumstößliche Gebot der Höflichkeit und das Bedürfnis, es allen recht machen zu wollen, ausreizen lässt. No harm done . Das sehe ich anders und es ist nur eine schwache Entschuldigung, aber sie ist Anlass für ein langes Gespräch über die japanische Gesellschaft, über einige der negativen Seiten, die Raoul und ich in vielen Fällen selbst beobachten konnten.
Wir haben oft unsere Schwierigkeiten damit gehabt, einfach nur herauszufinden, was unser Gegenüber von uns will, ohne wiederum ihn dabei in die Bredouille zu bringen – schier unmöglich, auf gar keinen Fall will er uns vor den Kopf stoßen und gar selbst das Gesicht verlieren. Wir haben auch erlebt, wie ein Mann seiner Freundin wortlos seine leere Suppenschale hinhält und sie aufspringt um sie aufzufüllen, bei einem Pärchen, das uns weltoffen und aufgeschlossen schien – patriarchale Hierarchien sind so tief verankert und nirgends sieht man Bemühungen sie umzustoßen. JP hat die Kellnerin vorhin merklich provoziert, wollte nichts sehnlicher hören als ein „Well, fuck you! “, in dem Wissen, es niemals zu bekommen – auf gar keinen Fall darf man widersprechen, auch nicht, wenn es darum geht, eine einem zustehende respektvolle Behandlung einzufordern.
Gen Ende unserer Unterhaltung spricht er die junge Frau an, die direkt neben mir sitzt. Sie ist schon die ganze Zeit stille Zuhörerin, aber wäre von alleine kaum auf die Idee gekommen, sich einzumischen. So wie auch vorhin niemand auf die Idee gekommen ist, der Kellnerin zu helfen. Fast sofort greift sie nach seiner rechten Hand und zeichnet eine der Linien darauf nach; sie erklärt uns, dass sie für Stärke, für Führungsqualität, für Alphatiere steht. Sie hält uns ihre Hände hin, an beiden hat sie exakt die gleiche durchgezogene Linie. Aber, sagt sie, sie als Frau sollte so etwas nicht haben. Entsetzt schaue ich sie an: „Ich finde es ziemlich gut, wenn Frauen stark sind. “ Doch sie erklärt mir nur, nein nein, das sei schließlich der Grund, warum sie keinen Freund habe. Ich verstehe JP ein bisschen. Zwar gibt es meiner Meinung nach nie einen Grund, so unfreundlich zu werden, aber es gibt so einige Gründe, frustriert zu sein.
An unserem letzten Abend in Japan sitzen wir in einem Okonomiyaki -Restaurant. Okonomiyaki ist ein ziemlich wandelbares Gericht und gewissermaßen eine Art Pfannkuchen. Der Teig ist aus Wasser, Kohl, Mehl und Ei und je nach Region wahlweise noch mit zahllosen anderen Zutaten, gebraten auf einer heißen Platte und mit einer dicken Schicht Soße und Mayonnaise überzogen. Vor allen Dingen ist Okonomiyaki mein neues Lieblingsessen, das ich heute zum letzten Mal für wer weiß wie lange essen kann. Dazu bestellen wir Pflaumenwein, den der Kellner allerdings vergisst. Meine Gedanken wandern immer wieder zu unserem Hotelzimmer, wo mein noch gänzlich leerer Rucksack darauf wartet gepackt zu werden und eine gewisse Nervosität ergreift mich. In Japan ist mittlerweile alles so einfach, so selbstverständlich geworden. Zwar sagen wir immer wieder, dass wir uns freuen, wieder in ein Land zu kommen, wo man sich verständigen kann, aber hier weiß man mittlerweile wenigstens einigermaßen, wie man es am besten angeht. Als wir den Kellner auf unseren Wein ansprechen ist ihm das furchtbar unangenehm. Er bringt ihn nicht nur sofort, sondern zieht ihn auch von unserer Rechnung ab. Wir bedanken uns tausendfach, er entschuldigt sich tausendfach und alle verbeugen sich tausendfach. Ich kann mit Höflichkeit mehr anfangen als mit Sarkasmus.
Wir schlendern durch die Einkaufsarkaden zurück, deren Geschäfte jetzt schon alle geschlossen sind. Stattdessen sitzen verteilt einige Kartenleger und Handleserinnen auf Plastikstühlen an der Seite und sagen Jugendlichen ihre Zukunft voraus. Rosa Lichterteppiche hängen unter den Decken und tauchen die Gänge in ein kitschiges Licht. Aus dem 100-Yen-Shop, der vermeintlich dauerhaft geöffnet hat, erklingt immer wieder die gleiche schrille Melodie und es ist mir ein Rätsel, wie es dort ein Mensch länger als fünf Minuten aushält. An einer Ecke steht ein großer, und vor allen Dingen niedlicher Mochi mit riesigen Augen als Maskottchen für eine Bar, die meines Wissens nach überhaupt keine Mochi anbietet. Mir fällt auf, wie wenig mir das alles auffällt. Vielleicht ist es Zeit, die Koffer zu packen.