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Ky� to Gott und die Welt
Ky� to Gott und die Welt

Kyōto: Gott und die Welt

0417
Im Südosten der Stadt, zu Fuß etwa eine Stunde von unserer Unterkunft entfernt, liegt der Daigo-ji Tempel. Wir laufen durch ausgestorben scheinende Wohngegenden, vorbei an kleinen Feldern, die mich an den Gemüsegarten meines Vaters erinnern und auf denen vor allen Dingen Kohl und Rüben wachsen, über einen Bolzplatz, auf dem ein paar Jungen gelangweilt nach dem zerfledderten Fußball kicken und durch einen Bambuswald. Kein Mensch außer uns hat sich heute hierher verirrt. Es scheint, als wüchsen die dünnen Stangen bis in den Himmel, das dichte Blätterdach, das sich wie ein Zelt über einem ausbreitet, versperrt den Blick nach oben.
Es ist schon nach Mittag als wir die Tempelanlage erreichen und es ist angenehm leer. Wie so viele Orte in Kyōto gehört auch dieser zu den UNESCO-Weltkulturerbestätten, aber von dem Andrang, den wir sonst erlebt haben, ist nichts zu spüren. Zu weit ab vom Schuss. Dabei ist hier eines der schönsten Bilder zu finden, wegen derer die Leute aus dem ganzen Land zu dieser Jahreszeit nach Kyōto pilgern. Am hintersten Ende des Geländes liegt die Bentendo Hall , ihr Spiegelbild verschwimmt im Wasser des Teiches, in dem Koi schwimmen, und das üppige Rot der Balken geht unter in den prächtigen Farben der vielen Blätter, die sich schon lange darauf vorzubereiten scheinen, von einem Windstoß davongetragen zu werden und den Baum schließlich kahl zurücklassen.
Bentendo Hall
Noch in Kamakura habe ich neugierig nachgeschaut, worum sich all die Besucher mit ihren entzückten Ausrufen und gezückten Kameras scharten und war verwirrt, als ich feststellte, dass es nichts weiter als ein einzelner Baum war. Mittlerweile habe ich mich in die Reihe der Bewunderer eingefügt, noch mehr aber als mich das Herbstlaub in Staunen versetzt, tut es die Begeisterung der Japaner dafür. Denn hinter der Freude an den schönen Farben steckt mehr als nur eine Vorliebe für Herbstspaziergänge, etwas anderes, viel tiefgründigeres: Die Wertschätzung der Vergänglichkeit. Wenn ich es recht bedenke zieht sich durch mein Leben genau das Gegenteil; ich kenne nur das Streben nach Verewigung, nach Festhalten und den Wunsch nach Dauerhaftigkeit. Hier hingegen wird das gewürdigt, was wahr und vor allen Dingen sowieso unumgänglich ist: Nichts ist für die Ewigkeit. Natürlich können wir nur deswegen überhaupt Schönheit und Glück empfinden. Schon wieder habe ich das Gefühl, man sei mir hier einen Schritt voraus. Während dieser Grundgedanke im Buddhismus verwurzelt zu sein scheint, kommt die Verehrung der Natur aus der zweiten großen Religion Japans, dem Shintoismus. Zu Raoul sage ich, als wir auf einem großen Steinbrocken sitzen, die Umgebung bewundern und mit vor Kälte starren Fingern Mandarinen pellen, dass ich mich den Religionen am nächsten fühle, wenn ich es überhaupt tue, die in der Natur das Göttliche sehen und mir kommen dazu ein paar Zeilen von Dave Eggers in den Sinn, die bei mir einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben, ich kriege sie bloß nicht ganz zusammen. Aber als wir in dem Tempel stehen, der an den Teich angrenzt und der elfte auf einem wichtigen Pilgerweg zu 33 Tempeln ist, und ich versuche, die Signifikanz des heiligen Ortes zu würdigen und die Spiritualität zuzulassen, kann ich wie immer nur das Profane der Religion im Alltag sehen. Wirf deine Münze, läute die Glocke, verbeuge dich, klatsche in die Hände, entlasse dein Gebet. Die meisten Menschen nehmen sich aber nicht mal die Zeit, um einen Augenblick innezuhalten. Es ist eine automatisierte Geste, die ihre Bedeutung verloren hat. Der gute Wille der Götter, den du dir, wenn auch nur mit einer 5-Yen-Münze, erkaufen kannst. Direkt im Schrein werden Glückslose verkauft. Ist die Prophezeiung schlecht? Kein Problem, zahle erneut, ziehe nochmal. Eine Lotterie um den guten Willen des Schicksals. Ich finde Gefallen an den kleinen und großen Ritualen, aber ich kann in ihnen nicht mehr sehen als in dem Stiefel, den Kinder am 5. Dezember vor die Tür stellen, in der Hoffnung, der Nikolaus möge vorbeischauen.
Hinter einer schweren, verrosteten Drehtür kommen wir zu einem weiteren Tempel; er markiert den Eingang zu dem Berg, der der Tempelanlage seinen Namen gab: dem Daigo . Wir beginnen den Aufstieg als die Sonne schon recht tief steht, aber es soll nur eine Stunde bis zum Gipfel dauern und so würden wir es noch gut bei Tageslicht wieder runter schaffen. Das Wandern ist schweißtreibend, eine willkommene Abwechslung zu der Kälte, die einem sonst immer nach einer gewissen Zeit, die man draußen verbracht hat, in die Kleidung und über den Körper zieht. Aber der Weg ist nicht beschwerlich und so steigen wir Stufe für Stufe weiter hoch. Vorbei an kleinen Schreinen, vor denen frische Blumen und Sakeflaschen stehen. Vorbei an Bächen, deren Wasser sich in trüben Pfützen sammelt. Höher. Vorbei an umgekippten Baumstämmen, moosbewachsen. Vorbei an dichten Flechten, die die Bäume hochklettern; an Raben, die in den Zweigen sitzen und sich mit Stimmen, die nicht singen können, bemerkbar machen; an Geröll, das so aussieht, als läge es schon viele Jahre dort. Und noch höher. Der Weg ist gewunden und der Punkt kommt, an dem man sich wünscht, hinter der nächsten Kurve möge das Ziel kommen, aber die Steintreppe geht weiter. Es gibt immer dieses eine Stückchen Weg, das man zu weit gehen muss, das einem keinen Spaß mehr macht, das einem zu viel wird. Egal ob der Weg kurz oder lang ist, dieses Stückchen kommt immer.
Dann sind wir da. Der Platz ist ein wenig vernachlässigt, nicht viele Leute machen sich die Mühe, hier hoch zu kommen. Wir setzen uns. Essen unsere Äpfel. Schauen in die Ferne, über die Täler, auf die kleinen Dörfer dazwischen, zu den nächsten Bergen, auf die Stadt, die uns zu Füßen liegt, zu dem Weg, der uns erwartet. Und mir fällt das Zitat wieder ein:
The one big surprise is that as it turns out, God is the sun. It makes sense, if you think about it. Why we didn’t see it sooner I cannot say. Every day the sun was right there burning, our and other planets hovering around it, always apologizing, and we didn’t think it was God. Why would there be a God and also a sun? Of course God is the sun. Everyone in the life before was cranky, I think, because they just wanted to know.
Dave Eggers: After I Was Thrown in the River and Before I Drowned