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Kamikawa Man verpasst nie etwas
Kamikawa Man verpasst nie etwas

Kamikawa: Man verpasst nie etwas

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Das Haus vermittelt den Eindruck, als wäre gerade erst jemand da gewesen und eben durch die Hintertür rausgeschlüpft. Es gibt zahlreiche Zimmer, es wäre bestimmt genügend Platz für sechs, sieben Leute, aber wir sind ganz alleine hier. Die Räume sind einfach und rustikal, es ist ein altes, traditionelles Haus, doch kann man erkennen, dass die Zimmer Stück für Stück und in Eigenregie renoviert werden. Die Toilette hat einen beheizten Sitz, im Esszimmer ist eine Feuerstelle aus großen Steinen und mit einem Rahmen aus massiven Holz in den Boden eingelassen und hinter einer Tür kann man einen Whirlpool erkennen, der noch angeschlossen werden muss. Gleichzeitig springt die Sicherung bei jeder Gelegenheit raus, die Dusche besteht aus einem Abfluss und zwei Eimern und es gibt keine Zentralheizung. Die Landschaft um uns herum ist idyllisch und die Berge im Hintergrund sind wunderschön, aber die traditionell japanische Unterkunft ist der Grund warum wir hergekommen sind. Überall steht Nippes: uralte Bücher auf allen möglichen Sprachen, Fächer, die aussehen als würden sie zu Staub zerfallen, wenn man sie anfasst, Gitarren, denen die meisten Saiten fehlen. In aller Ruhe erkunden wir Raum für Raum und immer wieder entdeckt man etwas Neues. Verwundernd ist, dass es ausgerechnet hier richtige Betten anstatt Futons gibt, aber wir sind sehr dankbar, nicht auf dem Boden schlafen zu müssen, denn auch unter fünf schweren Decken wachen wir morgens noch fröstelnd auf. Tagsüber wiederum wird es dann so wohlig warm vor dem alten Heizstrahler, dass ich ohne es zu wollen immer wieder einschlafe. Die Wärme in meinem Gesicht weckt Erinnerungen an Winternachmittage in dem Haus, in dem ich aufgewachsen bin, an denen wir Tee trinken und Plätzchen essen, das Wohnzimmer nur erhellt von Lichterketten und gewärmt von dem Feuer im Kamin.
In der kurzen Zeit, die wir hier verbringen, kommen wir kaum vor die Tür. Draußen gibt es einen Gemüsegarten auf dessen Beeten umgekippte Schilder aus Holz liegen und man kann erahnen, was wo wächst, wenn es die Zeit dafür ist, aber jetzt im Winter liegt alles brach. Wir machen kleine Ausflüge mit den rostigen Fahrrädern, die im Schuppen stehen und erkunden die Gegend, geprägt von offenen Feldern und dem flachen Fluss. Im Hinterhof entdecken wir einen kleinen Zen-Steingarten, zumindest nennt er sich selbst so. Besonders viel Zen strahlt er nicht aus, zwischen den Kieselsteinen liegen Holzlatten, er ist noch in Arbeit.
Letztendlich landen wir aber immer wieder vor der Feuerstelle, jeder seinen eigenen Gedanken nachhängend. Ich lasse die letzten Wochen sacken. Man nimmt sich die Zeit, die neuen Erinnerungen zu sortieren, die eigenen Gedanken zu hinterfragen, die Gefühle zu deuten. Ich ertappe mich dabei, wie ich mich darüber sorge, was wir doch hätten anders machen können, wie schön doch der Norden sein muss, in den wir jetzt gar nicht gereist sind. Was wir doch alles verpassen. Da halte ich inne. Diese Gedanken macht man sich, während an einem der schönste Moment unbemerkt vorbeizieht. Er wartet einen Augenblick, ob man ihn bemerkt, aber meistens schaut man trotzdem nicht schnell genug hin. „Verpassen“, das klingt immer so, als hätte es diesen Zeitabschnitt im Leben nicht gegeben, als hätte man, ganz ohne es zu merken, einfach einen Tag übersprungen. Dabei war ich nur an diesem und nicht jenem Ort, habe so oder so Erfahrungen gesammelt, die sich auf die eine oder andere Weise auf mein Leben auswirken werden. Habe vielleicht nicht andächtig die Natur in Hokkaido bewundern können, dafür aber als einzige in der Bahn bemerkt, wie ein Mädchen ihrem Begleiter einen heimlichen Kuss gegeben hat, was ihm Röte in die Wangen getrieben hat und mir ein Schmunzeln auf die Lippen.