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Iki Frohes neues Jahr auf Japanisch
Iki Frohes neues Jahr auf Japanisch

Iki: Frohes neues Jahr auf Japanisch

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„Ich will das überhaupt nicht!“ Ich schreie fast und ich sage es bestimmt schon zum zwanzigsten Mal innerhalb von drei Minuten, aber es ändert auch nichts daran, dass wir früher oder später ein Lied aussuchen müssen, das wir in der Karaokebar singen könnten. „Ach komm, das wird doch lustig“, erwidert Raoul, ebenfalls zum zwanzigsten Mal und blättert weiter. Ich bin gar nicht seiner Meinung, aber vor meinem inneren Auge sehe ich eine kleine, alberne Checkliste mit Dingen, die man in Japan einfach gemacht haben muss und Karaoke gehört wohl oder übel dazu. Wir sind mit Seiji hier, er und Tomoko sind unsere Gastgeber auf Iki und sie haben unseren Aufenthalt schon jetzt unvergesslich gemacht. Als er vorhin vorschlug, uns zu seinen Eltern zu gesellen, konnten wir gar nicht Nein sagen. Wir sitzen Seijis Mutter gegenüber, die uns mit fröhlich blitzenden Augen erwartungsvoll anschaut, sie will, dass wir Stand by Me singen. Außer uns ist nur ein einsamer, älterer Herr zu Gast; seine Stimme ist mit Abstand die schönste. Alle singen alte, traurig klingende, japanische Lieder und alle treffen die Töne. Eigentlich bin ich sehr froh darüber hier zu sein. Vor uns auf dem Tisch steht eine Tasse Kaffee und jeweils ein kleines Körbchen mit klebrigen Süßigkeiten, die wir als einzige essen. Seijis Mutter schiebt uns auch noch ihre zu. Die Wände sind über und über mit Postern von japanischen Berühmtheiten bedeckt, allesamt mit Unterschriften versehen, die allerdings so aussehen, als wären sie gedruckt. Die Eltern von Seiji sprechen natürlich kaum ein Wort Englisch, aber wir verstehen uns trotzdem bestens, sie sind beide unheimlich aufgeschlossen und Seijis Vater hat gutmütige Augen. Raoul hat sich entschieden und ich versuche noch einmal schwach zu widersprechen, aber es nützt nichts. Resigniert greife ich wenige Minuten später zum Mikrofon.
Als wir wieder im Auto sitzen und abfahren wollen, läuft uns Seijis Mutter hinterher. Wir öffnen die Tür, um sie besser verstehen zu können, aber sie drückt mir nur schnell die restlichen gesammelten Süßigkeiten in die Hand und verschwindet wieder in der Bar.
Es ist kurz vor eins am 1. Januar und wir besuchen gerade den dritten Schrein, um für ein gutes neues Jahr zu beten. Die halbe Insel scheint sich hier versammelt zu haben, die andere Hälfte war bei dem Schrein davor. Es gibt Stände, an denen Pommes verkauft werden und Jugendliche treten in einem Turnier mit Kreiseln gegeneinander an; wir bekommen gerade noch mit, wie ein Mädchen jauchzend das Finale gewinnt. Im Schrein selbst malen einige Leute ihre Neujahrswünsche mit Tusche auf große Papierbögen und überall laufen Leute herum, die einander kleine Geschenke machen. Raoul und ich waren zögerlich was das Beten selbst angeht, ich kam mir zu Anfang so vor, als würde ich unerlaubt die Oblate beim Abendmahl annehmen. Aber wieder einmal hatte ich unterschätzt, wie viel offener und lockerer der Shintoismus ist. Die zwei Priester, die im ersten Schrein die Besucher in Empfang nehmen, bieten uns erfreut Sake an und wir schlürfen ihn von kleinen Schälchen und bedanken uns mit einer tiefen Verbeugung. Insgeheim bin ich sehr froh, dass Seiji uns auf die Schnelle noch Frohes neues Jahr auf Japanisch beigebracht hat, auch wenn meine Aussprache holprig ist. Mir fällt auf, wie sehr wir rausfallen auf dieser kleinen Insel, auf der jeder jeden kennt, aber alle sind viel zu höflich um uns neugierig zu beäugen. Für 100 Yen erwerben wir vier Glückslose und anscheinend prophezeit mir meines größtmögliches Glück. Skeptisch schaue ich Seiji an, ob er nicht flunkert, der guten Stimmung wegen, schließlich kann ich nicht ein einziges Zeichen auf dem Zettel entziffern. Aber Raoul hat es nicht so gut getroffen wie ich und Tomoko zeigt ihm, wie er seines an den Ast eines Baumes binden kann um es hier zurückzulassen. Sofort bereue ich meine Zweifel. Sorgfältig falte ich das Stück Papier wieder zusammen und stecke es in meine Jackentasche. Es kann ja nicht schaden, das für die Zukunft aufzubewahren.
An unserem letzten Abend auf Iki gehen wir zu viert in ein kleines, traditionelles Onsen . Das Bad in der heißen Quelle ist wie immer erholsam, auch wenn es nur ein kleines Becken mit schlammigem, dafür aber mineralreichem Wasser ist. Ich schließe entspannt die Augen und höre zu, wie das Wasser leise an den Beckenrand schwappt. Eine weitere Frau ist mit uns ins Bad gekommen, sie unterhält sich mit ihrem Mann auf der anderen Seite der Holzwand, die Frauen von Männern trennt. Er hat ihre drei Kinder mitgenommen. Eines von ihnen scheint gar nicht zufrieden sein, auf einmal ertönt lautes Geschrei und dazwischen verhaltenes Gelächter.
Hinterher erzählen Raoul und Seiji lachend, dass das Kind so weinen musste, nachdem es sich völlig alleine Raoul gegenüber sitzend wiederfand, dessen Aussehen es anscheinend kurzzeitig in Panik versetzte. Auch wenn die Erwachsenen alle um Zurückhaltung bemüht sind, die Kinder, die immer so ehrlich sind, verraten dann eben doch, wie exotisch man hier wirklich ist. Auf dem Weg zurück, während ich mir noch mein Matcha-Softeis auf der Zunge zergehen lasse, kommt mir in den Sinn, wie oft es doch darum geht, dass man abseits der ausgetretenen Pfade wandeln müsse. Wenn man es dann tut, bekommt man es gar nicht mit, weil es sich wie das Normalste der Welt anfühlt.