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Hiroshima Für immer auf 8 15 Uhr
Hiroshima Für immer auf 8 15 Uhr

Hiroshima: Für immer auf 8:15 Uhr

0417
Ich habe von einigen Leuten ein ungläubiges Schnauben als Antwort darauf bekommen, dass wir Weihnachten in Hiroshima verbringen werden. „Aha, ja. Kann man auch machen.“ Dabei haben wir uns das nicht extra als Ziel dafür ausgesucht, es liegt einfach genau zu dem Zeitpunkt auf unserer Route. Natürlich wird Hiroshima als erstes mit dem Atombombenabwurf in Verbindung gebracht, für dieses grauenvolle Ereignis wird die Stadt bis in alle Ewigkeit berühmt sein. Der Atombombendom ragt mahnend und prominent am Ufer des Flusses in den Himmel und man sieht kaum einen Menschen, der hier dran vorbeihasten würde. Die Schritte eines jeden werden schwerer und der Blick haftet unweigerlich an den grauen Ruinen.
Wir halten uns lange in der National Peace Memorial Hall for the Atomic Bomb Victims auf. Es ist ein stiller Ort, bis auf das leise Plätschern des Brunnens, der die Form einer Uhr hat, die für immer auf 8:15 Uhr, dem Zeitpunkt des Abwurfs, stehengeblieben ist. Um uns herum ist ein Panorama aus matten, rauen Wandkacheln, das die Sicht vom Hypozentrum auf die verwüstete Stadt abbildet. Die Ausmaße des Schreckens sind trotzdem nie auch nur ansatzweise vorstellbar.
Die Berichte der Zeitzeugen sind schwer zu ertragen, es ist, als legten sie einem Ketten ums Herz, aber als ich letztendlich das Buch, das ich dazu lese, weglege, ist es nicht aus Schmerz, sondern aus Respekt. Je mehr ich lese, desto mehr verschwimmen die Geschichten miteinander, dabei steht jedes einzelne Schicksal für sich alleine.

 Keiner der Menschen, der seine Geschichte aufgeschrieben oder sie vor einer Kamera erzählt hat, scheint darüber reden zu wollen. In ihren Worten schwingt die Gewissheit mit, dass diese niemals werden ausdrücken können, was ihnen widerfahren ist. Und doch berichten sie davon, weil sie fest davon überzeugt sind, dass die Welt ihre Botschaft braucht. Keine Forderungen nach Vergeltung, oder wenigstens Gerechtigkeit. Stattdessen die alles einnehmende Forderung nach Frieden, gerichtet an jeden, ob Freund oder Feind. Sie ist immer präsent, nicht nur in der Memorial Hall oder im Friedenspark, auch auf den Straßen und in den Gesichtern der Menschen. Wenn man es genau betrachtet, ist das ziemlich weihnachtlich.