Loading...
Ch� bu Verbeugen  l� uten  wünschen
Ch� bu Verbeugen  l� uten  wünschen

Chūbu: Verbeugen, läuten, wünschen

0417
Der Zug rattert über die Schienen und je länger ich ihm zuhöre, desto rhythmischer klingt es in meinen Ohren. Es ist eine Woche des Bahnfahrens: Wir durchqueren das Land von der Südküste an die Nordküste und nehmen dabei nur die Züge, die auch an jeder noch so kleinen Station halten. Ungefähr 500 Kilometer überbrücken wir, steigen zig Mal um, stehen an unzähligen Bahnhöfen und warten. Aber während man sonst auf den Fahrten von A nach B nur sein Ziel vor Augen hat, so scheint es mir hier eher so, als sei die Fahrt selbst der wahre Zweck unserer Reise. Nicht die Orte, die uns hinter den Bahnhöfen erwarten, wenn wir nach einigen Stunden endgültig aussteigen. Sondern das leere Zugabteil und die Landschaft, die sich hinter den Fenstern erstreckt. Man könnte die Zeit für alles mögliche nutzen, aber stattdessen schau ich nur aus dem Fenster. Stunde um Stunde, Tag für Tag.
Nicht nur als wir Flüsse überqueren, auf denen sich die ersten Strahlen der Morgensonne spiegeln, oder als wir immer weiter in die verschneiten Berge fahren und vereinzelt Skipisten auftauchen, sondern auch noch, als die Dunkelheit einbricht und kaum mehr zu erkennen ist, was draußen vorbeizieht. Alle möglichen Gedanken rauschen mir durch den Kopf, wie draußen die Landschaft an uns vorbei. Mehrmals hole ich das kleine Notizbuch raus, das immer in der Seitentasche meines Rucksacks steckt, aber kein einziges Wort findet seinen Weg auf das Papier. Ich begnüge mich damit, meine Stirn gegen die kalte Scheibe zu drücken und darauf zu warten, dass hinter der nächsten Kurve wieder ein neues Bild auftaucht, das nicht schöner sein könnte, wenn es gemalt wäre.
Der Kuon-ji Tempel in Minobu wirkt im faden Morgengrauen fast gespenstisch. Wir sind gerade erst aufgestanden; von der Anstrengung, die ich aufbringen musste um die steilen Treppenstufen hier hoch zu erklimmen, ist mir ein bisschen schlecht. Atemlos setzen wir uns auf die nächstgelegene Bank. Aus dem Innern des Tempels scheint Licht und die das Gebet begleitende Gesänge schallen leise zu uns herüber. Die Stimmen sind monoton, man kann kaum ausmachen, ob sie von 20 oder 200 Menschen herrühren. Von unten hört man immer noch, wie der Mönch im Tor zum Tempel die riesige Trommel schlägt. Als sich mein Herzschlag nach einigen langen Minuten endlich wieder normalisiert, ziehe ich meine Jacke wieder an und schlendere über die Steinwege. Hier draußen sind wird ganz alleine. Mich ergreift eine Art Ehrfurcht; wem würde es nicht so gehen, in dieser ganz besonderen Stimmung bei Sonnenaufgang, vor einem so gewaltigen Tempel mitten in der Natur. Ringsum nur die Berge, am Horizont kann man immer noch den Fuji erahnen. Jahrhundertealte Zedern biegen sich unter dem Gewicht ihrer eigenen Äste. An manchen Wurzeln stehen kleine Opfergaben. Mir gefällt es, dass die Umgebung genau so wichtig ist, wie der Tempel selbst. Es kommt hier nie nur darauf an, was gebaut wird, sondern wo es gebaut wird. Als die Sonne letztendlich hinter den Gipfeln auftaucht und eine Frau den Stand eröffnet, an dem Holztafeln für Wünsche und Gebete verkauft werden, verfliegt die Stimmung im Nu und wir beginnen unseren Abstieg.
In den alten, reetgedeckten Häusern, die im Museumsdorf in Takayama stehen, liebe ich vor allem die Böden. Zum einen die traditionellen Tatamimatten, zum anderen die schönsten Dielen, die ich je gesehen habe. Die Füße, die schon gar nicht mehr warm werden, weil man die Häuser immer sockfuß betreten muss, rutschen fast weg auf dem glatten, kalten Holz. Der Scheit, der in der Feuerstelle brennt, gibt kaum Wärme ab, dafür legt sich aber der Geschmack von Rauch auf die Zunge, der einen noch Stunden danach begleitet. Die Häuser sind wie immer minimalistisch eingerichtet, die Exponate stehen meistens in vereinzelten Vitrinen am Rand. Ich liebe die Klarheit, die Vielfalt, die diese Leere bietet, und ich liebe die Einfachheit. Es ist als würde sich einem überall eine ganz neue Idee von Ästhetik auftun, eine, die irgendwie überlegener ist, als die die man kennt. Anstatt die Perfektion in den Mittelpunkt zu stellen, wird dem Streben danach der Vorzug gegeben. Man geht einen Schritt weiter, indem man einen Schritt zurück macht.

Inmitten der Häuser steht eine Tempelglocke. Noch bevor ich Raoul davon erzählen kann, dass ich jedes Mal das Bedürfnis verspüre, an dem Strick zu ziehen und sie zum Klingen zu bringen, sehe ich ein Schild auf dem Anweisungen genau dafür stehen. Eigentlich ist dies Geistlichen vorbehalten, oder wird nur zu ganz besonderen Anlässen gemacht. Aber hier steht eindeutig: 1. Verbeugen. 2. Die Glocke läuten. 3. So lange etwas wünschen, bis der Gong verklungen ist. Als ich oben stehe, auf einem kleinen Hocker mit dem Seil in der Hand, das an dem Holzpfahl befestigt ist, der dann die Glocke anschlagen wird, schaue ich mich noch kurz um, ob es nicht doch irgendwo jemanden gibt, der etwas einzuwenden hat. Aber außer uns ist keiner da. Als die Glocke dann erklingt ist es viel lauter, als ich erwartet hatte. Es hallt durch das ganze Tal und man hat das Gefühl, die Bäume würden sich nicht mehr im Wind, sondern im Schall wiegen. Und es klingt so, als wolle es nicht so schnell wieder aufhören. Ich schließe die Augen und beginne mit Teil 3: So lange etwas wünschen, bis der Gong verklungen ist.