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Chigasaki Der Herbst hat andere Farben
Chigasaki Der Herbst hat andere Farben

Chigasaki: Der Herbst hat andere Farben

0417
Auf die Straße vor uns ist mit bunter Kreide eine Lotusblüte gemalt. In ihrer Mitte ein R , von einem Herzen eingerahmt. Die Wegbeschreibungen enden hier und während ich mich noch suchend nach unserer neuen Unterkunft umsehe, hat Raoul die Zeichnung schon entdeckt. Außerdem steht auf den zwei Stufen, die zum Gartentor führen, „Welcome Rouen“. Auch wenn das nur noch wenig mit Raouls Namen zu tun hat, ist doch unmissverständlich klar, dass wir angekommen sind. Und die Herzchen auf dem Steinweg, die einen Schritt für Schritt bis zur Eingangstür begleiten, geben einem einen Vorgeschmack auf das, was diese Woche so bringen mag.
Wir wohnen bei Soness, einer wunderbaren Amerikanerin, die mehr zu geben hat, als eine Person allein jemals aufnehmen könnte. Wir schlafen auf einem Futon im Wohnzimmer, wir kochen zusammen und wir reden ohne Unterlass. Also, Soness und ich reden ohne Unterlass. Also, Soness redet ohne Unterlass. Ihre Geschichten lassen mich einmal mehr darüber rätseln, was das Leben so für seltsame Wendungen nimmt und wo es einen so hinführt. Das Haus ist eine merkwürdige Mischung aus ramschig, esoterisch und japanisch schön. Im Duschkopf sind Mineralien, im Bücherregal stehen lauter Selbsthilfebücher neben kleinen Hello-Kitty-Figuren und an den edlen Papiertüren hängen Post-its, auf denen Dinge stehen wie „Make a new website“, „Call for meeting“ oder „Love yourself“. Eine To-Do-Liste der besonderen Art. Abend für Abend sitzen wir auf dem großen, runden Teppich, der die schönen Tatamimatten ein wenig verschandelt, streicheln Nadia, die Katze, die sich in der denkbar unbequemsten Position auf einem niedergelassen hat und hören Soness’ absurden Ideen zu: Vielleicht eröffnet sie eine Katzenpension, wo Leute hinkönnen, die selbst keine Haustiere haben, so wie Katzencafés, nur mit Übernachtung. Oder sie macht daraus gleich einen Tempel, in dem die Leute nicht nur meditieren, sondern auch kreatives Schreiben lernen sollen. Dafür müsse sie zwar ein buddhistischer Mönch werden, aber das sei ja ein Leichtes. Und dort könnten dann auch Leute ohne Geld wohnen, die müssten dann eben den Garten bewirtschaften. Soness ist verrückt und manchmal ein wenig seltsam, ja, aber vor allem ist sie eines: großherzig. „You make a living by what you get, you make a life by what you give“ – Dieser abgedroschen klingende Spruch hängt bei ihr an der Wand. Aber so abgedroschen er auch klingen mag, er ist das, was ich aus dieser neuen Bekanntschaft mitnehme.
Die Farben des Herbstes sind ganz andere in Japan. Bei Sonnenschein leuchten die Blätter der Ahornbäume in so vielen verschiedenen und intensiven Rottönen, dass man sich manchmal davon überzeugen muss, dass sie nicht aus Plastik sind. Aber als wir im Freiluftmuseum in Hakone stehen und der Nebel durch die Wälder in das Tal kriecht, erkenne ich die für mich schönste Seite der Jahreszeit wieder. Dieses Gefühl, als würde ich in einer Illustration meines liebsten Kinderbuchautors stehen. Die kargen Wiesen, die unter der Wolkendecke blass aussehenden Bäume, die nackten Sträucher, all das ist für mich schöner als jede Farbexplosion. Ich atme tief ein, bis meine Lungen ein bisschen wehtun. Kurz darauf stecken unsere Füße in heißem Quellwasser. Ein freundlicher Herr, der auch darauf besteht, ein Foto von uns zu machen, weist alle zwei Minuten darauf hin, dass es an gewissen Stellen besonders heiß sei und man sich gut in der Mitte aufhalten sollte. Da wo auch die Sitzbänke sind. Ich strecke meine Beine so weit ich kann in Richtung des heißesten Wassers und genieße, dass mein ganzer Körper von der Wärme erfüllt wird. Wir wissen, dass wir uns auf den Weg machen sollten, wenn wir den See noch vor Einbruch der Dunkelheit erreichen und noch irgendetwas anderes von Hakone sehen wollen außer diesem Museum. Stattdessen versuchen wir die im Wasser schwimmenden Zitronen und Orangen mit den Zehen zu fangen und sie so lange zwischen den Füßen zu rollen bis sie mit einem leisen Platschen zurück an die Oberfläche hüpfen. Man kann nie alles gesehen haben. Ich könnte tausend Jahre alt werden und es gäbe immer noch Orte, die ich nicht entdeckt hätte, Menschen, die ich nicht kennengelernt hätte, Gefühle, die sich mir nicht offenbart hätten. Am besten freunde ich mich jetzt schon mit dem Gedanken an, denke ich bei mir. Als wir letztendlich im Tal ankommen, wo sich der See weit und glatt vor uns erstreckt, ist die Dämmerung schon weit voran geschritten. Laternen leuchten uns den Weg zum Schrein und im seichten Wasser steht das rote Tor, das den Eingang markiert. Das letzte Tageslicht hüllt alles in eine fast mystische Atmosphäre. Atemlos stehen wir da und schauen auf die andere Seite, wo die Bäume nur noch als dunkle Schatten erkennbar sind. Wir hätten zu keinem besseren Zeitpunkt kommen können.
Am Strand von Chigasaki gibt es eine Mole, auf der einige Fischer stehen und angeln. Sie fangen nur kleine Fische, solche, die man nur wieder zurück ins Wasser schmeißen kann, aber es scheint keinen von ihnen zu stören. Fröhlich erzählen sie uns, dass der Fisch, der gerade auf ihrem Einweggrill liegt, aus dem Supermarkt kommt. Auf der anderen Seite der Mole steht ein älterer Herr, der sich nicht am munteren Geplauder beteiligt, eine Angel hat er auch nicht. Am Horizont kann man den Fuji sehen. Als wir den Vulkan vor einer Woche aus dem verschmierten Fenster der Bahn zum ersten Mal entdeckt haben, konnte ich auf der Stelle verstehen, warum ihm hier so eine große Bedeutung beigemessen wird. Er ist einfach sagenhaft schön. Der Mann malt. Das stellen wir fest, als wir ihm neugierige Blicke über die Schulter werfen und uns dann zu ihm gesellen. Er hat gerade erst angefangen, auf seinem Skizzenblock sind gerade mal die Ansätze der Bergkette zu erkennen, aber er scheint erfreut über die unerwartete Aufmerksamkeit, die ihm zuteil wird, und zeigt uns bereitwillig seine Werke. Heute sei das Wetter so schön gewesen, da habe er sich entschieden hierher zu kommen. Er habe Malen zu seinem Hobby gemacht seit er in Rente gegangen ist. Malen und Wandern. Beides sei wunderbar miteinander zu vereinen. Er habe schon alle Berge Japans bestiegen, nicht auf den steilen Wegen, sondern auf den leichten, angenehmen. In seinen Pausen hole er dann seinen Farben raus. Wir bewundern seine Bilder, eins nach dem anderen. Die Landschaften, die er malt, sind schön und makellos; die Farben, die er benutzt, sanft und klar. Das Malen habe er sich selbst beigebracht, fährt der Herr fort, das sei nicht schwierig. Es würde reichen nur so zwei bis drei mal die Woche zu üben und dann könne jeder so malen wie er. Die Bescheidenheit nehme ich ihm ab, aber an seinen fröhlich hinter den Brillengläsern blitzenden Augen kann ich erkennen, dass er sich sehr wohl an unserer Bewunderung erfreut. Ich bewundere nicht nur seine Bilder, ich bewundere auch ihn, den aufmerksamen und freundlichen Mann, der seine Freizeit so schönen Dingen widmet. Und ich bewundere auch die Umgebung, den strahlenden Himmel, den grauen Sandstrand, das dunkle Meer. Wir unterhalten uns noch für eine Weile, danken ihm für die Zeit, die er uns geschenkt hat und schlendern barfuß in Richtung Café. Wir wollten heute eigentlich unsere Weiterreise planen und auch sonst so viele Dinge erledigen, die schon lange hätten erledigt werden müssen. Stattdessen haben wir noch mal Zitronen mit den Zehen gefangen.